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Hashimoto und Zöliakie: Wann ein Screening sinnvoll ist und warum es zählt

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Menschen mit Hashimoto haben ein etwa 3- bis 7-fach höheres Risiko für eine Zöliakie als die Allgemeinbevölkerung. Ein Screening mit tTG-IgA plus Gesamt-IgA ist bei der Diagnose oder bei anhaltenden Beschwerden sinnvoll. Wird eine Zöliakie bestätigt, ist eine strikte, lebenslange glutenfreie Ernährung erforderlich, die die Levothyroxin-Aufnahme verbessern kann. Liegt keine Zöliakie vor, verbessert der Glutenverzicht die Schilddrüsenwerte nach aktueller Evidenz nicht in nennenswertem Maß.

Warum Hashimoto und Zöliakie gehäuft gemeinsam auftreten

Die Hashimoto-Thyreoiditis und die Zöliakie zählen zu den häufigsten organspezifischen Autoimmunerkrankungen und teilen ein tief verwurzeltes biologisches Substrat. Beide werden durch HLA-Klasse-II-Suszeptibilitätsallele bestimmt (insbesondere HLA-DQ2 und HLA-DQ8 bei der Zöliakie, wobei überlappende Haplotypen auch bei der autoimmunen Schilddrüsenerkrankung eine Rolle spielen), durch gemeinsame Defekte der T-Zell-Regulation sowie durch ein verbreitetes Muster des Zusammenbruchs der Selbsttoleranz [C3][C4]. Liegt eine organspezifische Autoimmunerkrankung vor, steigt die Lebenszeitwahrscheinlichkeit für eine zweite erheblich an — das Muster des „Autoimmun-Clusters".

Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2016, die Studien mit insgesamt mehr als 8.000 Patientinnen und Patienten zusammenfasste, ergab, dass die Prävalenz einer biopsiegesicherten Zöliakie bei Personen mit autoimmuner Schilddrüsenerkrankung bei etwa 1,6–4,3 % lag — das entspricht einem 3- bis 7-fach höheren relativen Risiko gegenüber der Allgemeinbevölkerung (in der die Prävalenz bei etwa 0,5–1 % liegt) [C1]. Neuere Übersichtsarbeiten sowie der 2026 erschienene NEJM-Übersichtsartikel zur Zöliakie bestätigen dies: Die autoimmune Schilddrüsenerkrankung gehört zu den stärksten nicht-gastrointestinalen Assoziationen der Zöliakie, und das gehäufte gemeinsame Auftreten ist gut belegt [C3][C4].

Auch der umgekehrte Zusammenhang gilt. Bei Erwachsenen mit neu diagnostizierter Zöliakie ist die Prävalenz einer autoimmunen Schilddrüsenerkrankung — insbesondere von Hashimoto — um ein Vielfaches höher als erwartet, und die großen gastroenterologischen Fachgesellschaften empfehlen ein routinemäßiges Schilddrüsen-Screening bei der Zöliakie-Diagnose [C2][C4].

Warum eine übersehene Zöliakie für die Schilddrüseneinstellung von Bedeutung ist

Der klinisch wichtigste Grund, bei Hashimoto-Betroffenen an eine Zöliakie zu denken, ist die Levothyroxin-Aufnahme. Levothyroxin wird hauptsächlich im Jejunum und im oberen Ileum resorbiert — genau in jenen Abschnitten, die bei einer unbehandelten Zöliakie geschädigt werden. Die Zottenatrophie verringert die resorbierende Oberfläche und stört das lokale pH- und Gallensäure-Milieu, das für die Auflösung und Aufnahme der Tablette erforderlich ist [C2][C3].

Das klinische Bild ist wiedererkennbar: eine Hashimoto-Patientin, deren TSH sich trotz gewichtsangepasster Dosierung nicht in den Zielbereich bringen lässt, bei der die Levothyroxin-Dosis ohne erkennbaren Grund immer weiter erhöht werden muss oder die für ihr Körpergewicht eine ungewöhnlich hohe Dosis benötigt. In publizierten Kohorten sinkt der Levothyroxin-Bedarf — mitunter um 20–30 % — nach der Zöliakie-Diagnose und mehreren Monaten glutenfreier Ernährung, sobald die Schleimhaut abheilt und sich die Aufnahme normalisiert [C2][C3][C5].

Dies ist das stärkste pragmatische Argument für ein Screening: Es verändert sowohl die Diagnose als auch die Dosis.

Das Screening-Protokoll

Der von den großen gastroenterologischen Fachgesellschaften empfohlene Standard-Screeningtest ist das Serum-Antikörper gegen Gewebs-Transglutaminase IgA (tTG-IgA) plus die Bestimmung des Gesamt-IgA, um einen selektiven IgA-Mangel auszuschließen (der bei Autoimmunerkrankungen selbst überrepräsentiert ist und ein falsch-negatives tTG-IgA verursachen würde) [C4]. Der Test muss durchgeführt werden, solange die Person noch Gluten isst — ein Umstieg auf glutenfreie Ernährung vor der Testung führt bereits innerhalb von Wochen zu falsch-negativen Ergebnissen.

Der typische Ablauf sieht folgendermaßen aus [C4]:

  • tTG-IgA negativ + normales Gesamt-IgA: Zöliakie unwahrscheinlich; keine weitere Abklärung, sofern die Symptome nicht stark dafür sprechen.
  • tTG-IgA positiv (insbesondere >10-facher oberer Grenzwert): Überweisung zur Gastroenterologie. Bei Erwachsenen ist die bestätigende Dünndarmbiopsie weiterhin der Diagnosestandard. (Die pädiatrischen Leitlinien gehen bei sehr hohen Antikörpertitern zunehmend zu einer biopsiefreien Diagnose über, doch die Empfehlungen für Erwachsene behalten die Biopsie als Referenzstandard bei.)
  • Gesamt-IgA niedrig oder nicht nachweisbar: IgG-basierte Tests anfordern (deamidiertes Gliadinpeptid-IgG oder tTG-IgG) als alternative Serologie.

Wen man wann screenen sollte [C3][C4]:

  1. Bei der Hashimoto-Diagnose, insbesondere bei Personen mit gastrointestinalen Beschwerden, Eisenmangelanämie, ungeklärter Osteoporose oder einem Verwandten ersten Grades mit Zöliakie.
  2. Zu jedem Zeitpunkt, wenn das TSH trotz ausreichender Levothyroxin-Dosierung erhöht bleibt oder die benötigte Dosis für das Körpergewicht unerwartet hoch ist.
  3. Bei Kindern und Jugendlichen mit Hashimoto, da Wachstumsstörungen und eine stumme Zöliakie hier häufiger sind.
  4. Bei Erwachsenen mit anhaltender Müdigkeit, Gehirnnebel oder Anämie trotz normalem TSH unter Levothyroxin.

Ein routinemäßiges, alle zwei Jahre erfolgendes Re-Screening aller Hashimoto-Betroffenen ist nicht Standard; das gezielte Screening auf Basis der oben genannten Auslöser ist der aktuelle Ansatz [C3][C4].

Was NICHT hilft (und wo die Evidenz falsch gedeutet wird)

Ein häufiges Missverständnis lautet, dass jeder mit Hashimoto sich glutenfrei ernähren sollte. Die publizierte Evidenz stützt diese Behauptung nicht.

  • Bei bestätigter Zöliakie ist eine strikte, lebenslange glutenfreie Ernährung zwingend erforderlich und verbessert die Levothyroxin-Aufnahme, die Schleimhautheilung und die langfristigen Ergebnisse [C2][C4][C5]. Das ist nicht optional.
  • Bei Hashimoto-Betroffenen ohne Zöliakie stellt sich die Lage anders dar. Ein systematischer Review aus dem Jahr 2022, der sich gezielt mit TSH und Schilddrüsen-Antikörpern bei Personen mit Autoimmunthyreoiditis unter glutenfreier Ernährung befasste, fand keine konsistente, klinisch bedeutsame Verbesserung des TSH oder der Schilddrüsen-Antikörpertiter, die allein auf den Glutenverzicht zurückzuführen wäre [C5]. Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2023 bei Personen mit Autoimmunthyreoiditis, aber ohne Zöliakie-Symptome oder -Histologie, kam zu ähnlichen Schlüssen: geringfügige Antikörperveränderungen in einigen wenigen Studien, kein verlässlicher Effekt auf die Schilddrüsenfunktion [C6]. Ein systematischer Review mit Metaanalyse aus dem Jahr 2025, der sich gezielt mit der glutenfreien Ernährung bei Hashimoto-Betroffenen ohne Zöliakie befasste, kam zu dem Schluss, dass die aktuelle Evidenz einen routinemäßigen Glutenverzicht zur Verbesserung der Schilddrüsenwerte nicht stützt [C7].

Kurz gesagt: Glutenfreie Ernährung ist die Behandlung der Zöliakie, keine Behandlung der Hashimoto-Thyreoiditis. Menschen ohne Zöliakie, die sich ohne Gluten besser fühlen, reagieren möglicherweise auf umfassendere Ernährungsumstellungen, auf einen Placebo-Effekt oder auf eine Nicht-Zöliakie-Glutensensitivität — keines davon ist mit einer Zöliakie gleichzusetzen, und für keines wurde nachgewiesen, dass es den natürlichen Verlauf der Hashimoto-Thyreoiditis verändert.

Praktische Empfehlungen

  1. Screening mit tTG-IgA plus Gesamt-IgA bei der Hashimoto-Diagnose, wenn gastrointestinale Beschwerden, eine Eisenmangelanämie, eine ungeklärte Osteoporose oder ein Verwandter ersten Grades mit Zöliakie vorliegen [C3][C4].
  2. Screening, wenn Levothyroxin nicht wie erwartet wirkt — anhaltend erhöhtes TSH trotz gewichtsangepasster Dosierung oder ein ungewöhnlich hoher Dosisbedarf [C2][C8].
  3. Während der Testung weiterhin Gluten essen. Ein Umstieg auf glutenfreie Ernährung vor Serologie und Biopsie kann innerhalb von Wochen zu falsch-negativen Ergebnissen führen [C4].
  4. Bei positiven Antikörpern zur Dünndarmbiopsie überweisen (bei Erwachsenen). Die Biopsie bleibt in der Erwachsenenpraxis die diagnostische Referenz [C4].
  5. Ist die Zöliakie bestätigt, eine strikte, lebenslange glutenfreie Ernährung beibehalten und das TSH 6–8 Wochen nach Beginn erneut kontrollieren — die Levothyroxin-Dosis muss häufig reduziert werden, sobald sich die Aufnahme verbessert [C2][C5][C8].
  6. Ist die Zöliakie ausgeschlossen, keine glutenfreie Ernährung zur Behandlung von Hashimoto aufnehmen. Aktuelle systematische Reviews zeigen keinen bedeutsamen Schilddrüsen-Nutzen, und die Ernährung verursacht Mehrkosten und eine soziale Belastung [C5][C6][C7].

Häufig gestellte Fragen

Wie viel höher ist mein Zöliakie-Risiko, wenn ich Hashimoto habe? Die metaanalytisch ermittelte Prävalenz in Populationen mit autoimmuner Schilddrüsenerkrankung liegt bei etwa 1,6–4,3 %, gegenüber etwa 0,5–1 % in der Allgemeinbevölkerung — ein 3- bis 7-facher Anstieg [C1][C3].

Sollte ich mich auch dann auf Zöliakie testen lassen, wenn ich keine gastrointestinalen Beschwerden habe? Viele Erwachsene mit Zöliakie haben nur minimale oder gar keine klassischen gastrointestinalen Beschwerden („stumme" oder „subklinische" Zöliakie). Ein Screening ist bei der Hashimoto-Diagnose sinnvoll, insbesondere bei Vorliegen einer ungeklärten Eisenmangelanämie, eines therapierefraktären TSH oder eines Verwandten ersten Grades mit Zöliakie [C3][C4].

Verbessert ein Glutenverzicht mein TSH, wenn ich keine Zöliakie habe? Aktuelle systematische Reviews und Metaanalysen zeigen keinen konsistenten, klinisch bedeutsamen Effekt einer glutenfreien Ernährung auf das TSH oder die Schilddrüsen-Antikörper bei Hashimoto-Betroffenen ohne Zöliakie [C5][C6][C7]. Liegt eine Zöliakie vor, hilft der Glutenverzicht durchaus — teilweise über die wiederhergestellte Levothyroxin-Aufnahme [C2].

Brauche ich trotzdem eine Biopsie, wenn die Antikörper positiv sind? Bei Erwachsenen ja — die Dünndarmbiopsie ist weiterhin die Standardbestätigung, insbesondere weil die Diagnose die betroffene Person zu einer lebenslangen Ernährungsumstellung verpflichtet [C4].

Warum sinkt meine Levothyroxin-Dosis, nachdem ich mit einer glutenfreien Ernährung begonnen habe? Das geschädigte Jejunum hat das Medikament nur unzureichend resorbiert. Während die Schleimhaut über Wochen bis Monate abheilt, wird von jeder Tablette mehr aufgenommen, und deine Endokrinologin oder dein Endokrinologe wird die Dosis senken, um eine Überdosierung zu vermeiden [C2][C5][C8].

Fazit

Hashimoto-Betroffene befinden sich in einem Autoimmun-Cluster, der das Risiko einer Zöliakie deutlich erhöht — etwa um das 3- bis 7-Fache gegenüber der Allgemeinbevölkerung [C1][C3]. Ein Screening mit tTG-IgA plus Gesamt-IgA ist bei der Diagnose oder dann sinnvoll, wenn die Schilddrüseneinstellung unter ausreichender Levothyroxin-Dosierung unerwartet schlecht ist [C3][C4]. Bei bestätigter Zöliakie ist eine strikte, lebenslange glutenfreie Ernährung zwingend erforderlich und verbessert häufig die Levothyroxin-Aufnahme und die TSH-Stabilität [C2][C5][C8]. Liegt keine Zöliakie vor, stützt die aktuelle Evidenz eine glutenfreie Ernährung nicht als Behandlung der Hashimoto-Thyreoiditis [C5][C6][C7]. Sprich mit deiner Endokrinologin oder deinem Endokrinologen über ein Screening, wenn dein Verlauf dem Hochrisikoprofil entspricht.

Quellen

  1. [C1] Roy A et al. Prevalence of Celiac Disease in Patients with Autoimmune Thyroid Disease: A Meta-Analysis. Thyroid. 2016. PubMed: 27256300
  2. [C2] Sategna-Guidetti C et al. Prevalence of thyroid disorders in untreated adult celiac disease patients and effect of gluten withdrawal: an Italian multicenter study. Am J Gastroenterol. 2001. PubMed: 11280546
  3. [C3] Ashok T et al. Celiac Disease and Autoimmune Thyroid Disease: The Two Peas in a Pod. Cureus. 2022. PubMed: 35911325
  4. [C4] Murray JA et al. Celiac Disease. 2026. PubMed: 41950475
  5. [C5] Malandrini S et al. What about TSH and Anti-Thyroid Antibodies in Patients with Autoimmune Thyroiditis and Celiac Disease Using a Gluten-Free Diet? A Systematic Review. 2022. PubMed: 35458242
  6. [C6] Piticchio T et al. Effect of gluten-free diet on autoimmune thyroiditis progression in patients with no symptoms or histology of celiac disease: a meta-analysis. 2023. PubMed: 37554764
  7. [C7] Araújo EMQ et al. Effects of Gluten-Free Diet in Non-Celiac Hashimoto's Thyroiditis: A Systematic Review and Meta-Analysis. 2025. PubMed: 41228508
  8. [C8] Jonklaas J et al. Guidelines for the treatment of hypothyroidism. Thyroid. 2014;24(12):1670–1751. PubMed: 25266247

Nur zu Bildungszwecken. Keine medizinische Beratung. Konsultiere stets deine Ärztin oder deinen Arzt.

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Quellen

  1. A
  2. A
  3. A
  4. A
    Murray JA et al. 2026 — Celiac Disease· 2026 · narrative-review
  5. A
  6. A
  7. A
  8. A
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